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Deutscher Ingenieurpreis, Straße und Verkehr 2013

Ratzeburger Baumaßnahme ausgezeichnet

Deutscher Ingenieurpreis, Straße und Verkehr 2013

Das Brücken- und Straßenbauprojekt „Südliche Sammelstraße mit Brückenanbindung an die B 208“ in der Ratzeburger Innenstadt/Seestraße ist seit geraumer Zeit ein Nadelöhr, das Autofahrern Zeit und Nerven kostet. Wie spektakulär, schwierig und umfangreich das beeindruckende Projekt ist, rückt dabei aus dem Fokus. Honoriert wurde die technische und logistische Meisterleistung mit einem 2. Platz beim „Deutschen Ingenieurpreis Straße und Verkehr 2013“.

Im Bereich der Brücke wurden Muschelbänke umgebettet.

Über den historischen Inselkern Ratzeburgs verläuft von West nach Ost die stark frequentierte B 208 mit rund 20.000 gezählten Kraftfahrzeugen täglich. Ziel der aktuellen Baumaßnahme ist es, die Innenstadt von Verkehr zu entlasten und diesen über den östlichen Bereich der Insel zu leiten.

Logistische Meisterleistung

Einspurig: Im Bereich der Baustelle staut sich der Verkehr.

Unter dem Motto „Ratzeburg baut Brücken" begann schon im Februar 2012 eines der größten Bauvorhaben in der Geschichte der Inselstadt. Seitdem wird der östliche Zugang zur Insel einer kompletten Neugestaltung unterzogen. Dabei werden zwei unterschiedliche Brückenbauwerke im Bereich des Königsdamms und der Einmündung Seestraße konstruktiv verbunden und die rund 170 Jahre alte Brücke der Bundesstraße ersetzt.

Das bei den Arbeiten die ganze Zeit der zweispurige Verkehr auf der Bundesstraße aufrecht erhalten wird, ist eine technische Herausforderung und logistische Meisterleistung der Straßen-und Brückenbauer. Dabei wird die Seestraße als letzter Abschnitt der „Südlichen Sammelstraße“ voll ausgebaut und an die bereits fertiggestellten Abschnitte angebunden.

Interdisziplinäres Zusammenspiel

Dipl. Ing. Guido Klossek leitet in Ratzeburg die Abteilung Tiefbau.

„Das interdisziplinäre Zusammenspiel der unterschiedlichen Fachdisziplinen wie Straßenbau, Brückenbau, Architektur, Natur- und Umweltschutz, Wasserwirtschaft, Archäologie und Denkmalschutz, einschließlich der Beteiligung von Verbänden und Vereinen, fordert ein hohes Maß an Abstimmung, liefert dafür aber auch ein hohes Maß an Qualität“, erklärt Guido Klossek. Der Diplom-Ingenieur ist Abteilungsleiter des Fachdienstes Tiefbau bei der Stadt Ratzeburg und oberster Planer des Projekts.

Ein paar Details: Die Architekten realisierten für eine schlanke Silhouette der Brücke filigrane Brückenkappen und ein horizontal verlaufendes Geländer. Der Denkmalschutz forderte langlebige Materialien. So wurden für die Parkbuchten, Zufahrten und Zugänge, Rinnen und Borde, ortsübliche Natursteine und Klinker verwendet. Teilweise wurde das Natursteinpflaster von der Baustelle wieder verwertet. Auch die Belange von Menschen mit Behinderungen wurden bei den Bauarbeiten – wie etwa durch Strukturpflaster für Blinde - berücksichtigt.

Unterirdische Regenwasserbehandlungsanlage

Für den Naturschutz betteten Biologen im Bereich des Verbindungskanals zum See Muschelbänke um. Und zur Reinigung des mittelbelasteten Bundesstraßenwassers wurde eine unterirdische Regenwasserbehandlungsanlage erstellt. Dazu mussten Taucher die Vorflutleitung im Kleinen Küchensee fixieren. Das Absperren des Durchflusskanals machte zudem eine limnologische Begutachtung der angrenzenden Seen erforderlich.

Durch aktiven und passiven Schallschutz werden die Anwohner vor Lärm geschützt (neue Fenster etc.). Mitarbeiter des archäologischen Landesamtes durchsiebten und untersuchten den ausgekofferten Boden auf historische Spuren. Durch den teilweise nur schwach tragfähigen Boden in der Seestraße mussten zur besseren Lastverteilung Geogitter in der wassergebundenen Schottertragschicht des Oberbaues der Straße eingesetzt werden.

Hydraulische Vibrationsrammbären

Ein Widerlager fängt kleine Bewegungen des Brückenkörpers auf.

Bei den an die Brückenwiderlager angrenzenden Gebäuden wurden zum rechtzeitigen Warnen bei erhöhter Erschütterungsintensität spezielle Messgeräte eingesetzt. Um die Beeinträchtigungen zu minimieren, kamen bei den Spundarbeiten hydraulische Vibrationsrammbären zum Einsatz.

Besonders sorgfältig arbeiteten die Verkehrsingenieure an der signaltechnischen Steuerung der östlichen „Pförtnerampel“, bei der Kameras die gescannten KFZ-Kennzeichen der Busse mit dem Verkehrsrechner vergleichen, um den ÖPNV zu bevorzugen. Und nicht zuletzt wurden die neuen Straßenlaternen mit umweltfreundlichen LED-Leuchten ausgestattet.

Mammutaufgabe für die Verwaltung



„Die Symbiose aus Innovation, hoher Ingenieurbaukunst und gefälliger Gestaltung tragen maßgeblich zur Erfolgsstory des Jahrhundertbauwerks bei“, stellt Guido Klossek fest. Doch vor allem das Baustellenmarketing seines kleinen Teams hoch motivierter Verwaltungsmitarbeiter, welche ausschließlich mit „Bordmitteln" das Projekt entwickelten und begleiten, verdient höchste Anerkennung.

Nach Beendigung der Baumaßnahme wird der überwiegende Anteil des PKW-Verkehrs der Bundesstraße auf die Südliche Sammelstraße verlagert und so der Inselkern Ratzeburgs deutlich entlastet.

www.ratzeburg.de

Deutscher Ingenieurspreis Straße und Verkehr 2013

Was in Ratzeburg geleistet wird, hat bereits international Aufmerksamkeit erregt und Ingenieure und Verkehrswissenschaftler – zum Beispiel aus Japan - nach Ratzeburg gezogen. Auch die Delegation der Tschechischen Ingenieurkammer zeigte sich von der Funktion- und Wirkungsweise des neuartigen Verkehrsleit- und Lenkungssystems stark beeindruckt.

Tiefbau-Amtsleiter Guido Klossek hat die Qualität des Projekts früh erkannt und reichte es für den „Deutschen Ingenieurspreis Verkehr und Straße 2013“ ein. Unter 60 Einreichungen belegte die Inselstadt einen 2. Platz.

Auf den Punkt brachte es Prof. Dr. Ing. Horst Mentlein vor seinen Studenten der Fachhochschule Lübeck, als er bei einem Besuch in Ratzeburg erklärte: „Die Südliche Sammelstraße mit der Anbindung an die B 208 ist derzeit eine der interessantesten aber auch schwierigsten Baumaßnahmen Schleswig-Holsteins.“


Über dieses Brückenteil wird der Verkehr künftig von der B 208 auf die Seestraße geleitet.